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Alt 28.06.2001, 16:26  
Ralf Rombach
Gast
 
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Hallo Klaus und die anderen Teilnehmer,

prinzipiell ist es so, dass sich die Tiere nicht den Beckengrößen anpassen. Ich hatte es schon mal geschrieben, mit einem Lineal schwimmen sie nicht durchs Becken und messen nach und beschliessen dann ihre Endgröße.

Die Ursachen sind sehr verschieden und je nach Organisationshöhe der Art sehr komplex.

Die einfachen Beispiele bei den Zuchtversuchen der Karpfen (Joachim hat gerade die Artikel) in den 60er und 70er Jahren bei der Bundesforschungsanstalt für Fischereiwesen lassen folgenden Schluß zu. Karpfen in kleinen Aufzuchtbecken bei massiver Fütterung wachsen nur dann zu voller Größe heran, wenn die Becken als "Durchflußbecken" mit schnellen Wasseraustausch gebaut. Die Wasserwerte sind für die Art von untegeordneter Bedeutung, alleine der schnelle Austausch des Wassers ist ein Faktor. Die Tiere wachsen dann regelrecht aus den Becken raus. Ob dies vielleicht an wachstumshemmenden, von den Tieren ausgeschiedenen Pheromonen liegt, wurde damals nicht untersucht.

Bei was die Wasserwerte angeht, empfindlicheren Tieren spielen mit Sicherheit verschiedene Parameter, eventuell auch Nitratwerte eine Rolle, die wachstumsbremsend wirken können.

Anton hatte im Süßwasserforum das Beispiel der Oreochromis und Melanochromis auratus (oder war es Cichlasoma nigrofasciatum - ist bei beiden Arten aber ähnlich) gebracht, wo die Wasserwerte in beiden Becken gleich sind, aber die Tiere dennoch unterschiedlich groß werden.

Hier muß man ein wenig in die Stoffwechselphysiologie und die Steuerung der Wachstumsprozesse reinschauen. Diese unterliegen einer strikten Kontrolle über Hormone. Entscheidendes Wachstumshormon ist das Somatotropin, welches im Gehirn im Hypophysenvorderlappe (Adenohypophyse = Gehirnanhangsdrüse) produziert und ins Blut abgegeben wird. Das Somatotropin greift in viele Stoffwechselwege ein, u.a. fördert es das Knochen- zund Knorpelwachstum, es stimuliert die Synthese von Eiweißen im allgemeinen, es stimuliert den Fettabbau.

Das Somatotropin seinerseits wird nun nicht beliebig produziert und abgegeben, sondern es steht selber wieder unter Kontrolle eines weiteren "Gehornhirmones", des Somatostatins (SIH). Dieses wird im Hypothalamus (dem Zwischenhirn-Unterboden) in speziellen Zellen gebildet und in die Adenohypophyse transportiert, wo es die Ausschüttung des Somatotropins steuert.

Die Nervenzellen, die das SIH produzieren (werden auch neurosekretorische Zellen) selber stehen nun unter direkter nervöser Kontrolle durch übergeordnete Gehirnzentren und hier ist dann die Verknüpfung zu den Außenweltfaktoren.

Einer von diesen Außenwelt faktoren ist Stress innerhalb einer Gruppe territorial organisierter Arten. Bei zuvielen Tieren innerhalb der Gruppe, zu kleinen Territorien und bei Anwesenheit von sogenannten alpha-Tieren (Platzhirsch, Leithammel, Silbernacken etc.) wird von den übergeordneten Gehirnzentren über die Nervenzwischenzellen direkt die Ausschüttung des Somatotropins beeinflußt, also mehr oder wenig aktiv gesteuert und damit das Wachstum kontrolliert.

Nur so ist das was Anton für die Zebrabuntbarsche mit monatelnagem stagnierendem Wachstum beschrieb, zu erklären. Sozialer Druck innerhalb in der Gruppe führt auch zur Anpassung der Wachstumsprozesse, weil kleinere, nicht als Feindfische oder Rivalen zu erkennende Tiere innerhalb der Gruppe weniger Aggressionen erleiden müssen.


Diese Prozesse sind natürlich nicht uneingeschränkt auf jeden Fisch oder jedes andere Wirbeltier übertragbar. So ist die Steuerung bei Schwarmfischen mit Sicherheit eine andere und dürfte bei diesen eher über Nahrungsangebot kontrolliert werden, als bei räuberischen oder territorialen Arten. Deswegen sollte man nicht alles vereinheitlichen. Eine Haibarbe ist nun mal nicht mit einem brutpflegenden Buntbarsch vergleichbar, und diese beiden wieder nicht mit einem Neon.

Dann gibt es noch Arten wie die Prachtschmerle, die im Freiland durchaus 40 cm und mehr werden, im AQ zwar theoretisch auch diese Größe erreichen können, aber sie es doch wohl eher selten über 20 cm schaffen. Warum ? Die Gründe hierfür sind unbekannt und man kommt dann leicht und schnell wieder mit der Beckengrößetheorie (Raumfaktor). Auch hier glaube ich liegt die Ursache anders. Wenn man sich mal den Lebenszyklus der PS im Freiland anschaut, so ist das eine Art, die zu den Regenzeiten ausgedehnte Laichwanderung von den Unterlaufen der Flüsse in die Oberläufe und Quellbäche macht. Diese Prozesse werden natürlich auch wieder über Hormonsysteme ähnlich und nah verwandt dem Somatotropin-System kontrolliert. Es handelt sich auch hier wieder um Hypothalamus-Hypophysenhormone, die strikter zentralnervöser Steuerung unterliegen. Die beteiligten Hormone sind sich alle sehr, sehr ähnlich.

Als Theorie würde ich folgenden Zusammenhang postulieren: Können Prachtschmerlen keine periodische Laichwanderung durchführen, gibt es aus dem Körper einerseits und aus der Umwelt andererseits Signale ans Gehirn, dass der "normale Lebenszyklus" der Art nicht ablaufen kann (weil ja im AQ). Das Gehirn bremst dann direkt die Ausschüttung von geschlechtsstimulierenden Hormonen und über Querverbindungen auch die der wachstumsstimulierenden Hormone.

Diese Querverbindung, die jetzt hier als These im Raum steht, ist keine blanke Spekulation, sondern kommt auch bei anderen Wirbeltieren, auch und gerade beim Menschen vor. Es ist kein Zufall, dass pubertierenden Buben genau in der Pubertät oft sehr schnell ablaufende Wachstumsschübe machen (bekannt als Schlacksigkeit). Hier werden die Wachstumshormone zeitweise mit den Geschlechtshormonen in ihrer Wirkung koordiniert.

Gruss Ralf
 
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