Und weiter geht´s
Korallen-, Fisch- und Artenbecken lasse ich hier weg, da ich wieder ein Riffaquarium plane.
Unter einem Riffaquarium verstehe ich ein Becken, in dem man versucht, die Vielfalt eines Riffs zu vergesellschaften, auch wenn dem Grenzen gesetzt sind.
Um die Planung eines Riffaquariums richtig zu schildern, muss ich zwangsläufig alle Faktoren, die für ein MW-Becken wichtig sind, anreissen, also Technik, Chemie etc. Dieser Post wird also etwas "durcheinander" sein, vielleicht widme ich den einzelnen Bereichen später einzelne Posts, um es übersichtlicher zu gestalten.
Wo fange ich nun mit der Planung an?
In meinen Augen die wichtigste Frage ist, wo man in einem Riffaquarium den Schwerpunkt bei den Korallen setzt.
Grob unterteilt gibt es 3 Gruppen von Korallen, die sich stark unterscheiden, unterschiedliche Ansprüche stellen und unterschiedlich schwierig zu halten sind.
Einige Dinge werde ich stark vereinfacht erklären, um die Sache Anfängerfreundlicher zu gestalten.
Leder-/Weichkorallen:
"Anfänger"korallen. Je nach Art benötigen sie nicht unbedingt die stärkste verfügbare Lichtquelle und benötigen auch keine so intensive Wasserpflege wie LPS und SPS, z.B. verbrauchen sie kaum Calcium, da sie keine Kalkskelette aufbauen.
Wenn sie sich wohlfühlen, können sie rasant wachsen, manche Arten wie z.B. Xenien oder manche Cespitularia überwuchern den Riffaufbau regelrecht. Dabei können sie Probleme verursachen, indem sie durch ihr "rücksichtsloses" Wachstum den Kampf um Siedlungsplätze gegen andere Korallen gewinnen und irgendwann nur noch schwer in den Griff zu bekommen sind. Haben sie erst richtig Fuß gefasst (im wahrsten Sinne des Wortes), ist es oft problematisch, sie wieder restlos zu entfernen. Riffgestein ist sehr porös und uneben. Da jeden Geweberest aus den Ritzen zu popeln kann sehr nervig werden, wenn ein Becken wirklich gut läuft und der jeweiligen Koralle ideale Bedingungen bietet, können sich aus Geweberesten neue Kolonien bilden, selbst wenn man die Tiere vorher "mit der groben Kelle" entfernt hat und der Meinung ist, daß da wirklich alles kaputt ist.
Ich spreche da aus Erfahrung, hatte den Ärger mit einer Cespitularia.
Bei Weich- und Lederkorallen sollte man auch an den Platzbedarf der Tiere denken. Es ist nicht ungewöhnlich, daß bei guten Bedingungen aus einem fingergroßen Ableger innerhalb weniger Monate eine Koralle mit 30cm Umfang wird.
Das schöne an diesen Korallen ist aber eben, daß sie so schnell wachsen und ein Becken dadurch schnell füllen, für relativ wenig Geld. Ich persönlich mag auch die Bewegung der Korallen in der Strömung, das ist ein toller Anblick.
LPS oder großpolypige Steinkorallen:
Schon etwas anspruchsvoller in der Haltung, das variiert aber ziemlich stark, je nach Art. Diese Korallen bilden Kalkskelette, aus denen aber aber mehr oder weniger lange, weiche Gebilde herauswachsen. Die wohl bei Anfängern am weitesten verbreiteten Arten dürften Euphyllia und Caulastrea sein.
Auch diese Korallen können bei guter Haltung recht schnell wachsen, nesseln häufig sehr stark und manche Arten fahren regelrechte Kampftentakel aus, meist nachts, um sich vor Fressfeinden zu schützen.
Beim Kauf dieser Korallen sollte man sich vorher genau über die Art informieren, manche bilden sehr stark nesselnde, bis zu 15cm lange Tentakel, die dann nachts andere Korallen in der Umgebung vernesseln würden. Außerdem nesseln manche so stark, daß sich bei Berührung auch der Aquarianer verletzten kann, ein Freund von mir hat sich einmal an einer Blasenkoralle so stark verbrannt, daß es wie ein schwerer Sonnenbrand aussah und er damit sogar zum Arzt musste.
Wichtig bei LPS ist noch, daß sie zwar Skelette bilden, sozusagen als Basis, der Rest aber sehr weich und beweglich ist, die Ränder ihrer eigenen Skelette außerdem oft recht scharfkantig sind.
Das sollte man beim Stellplatz im Becken berücksichtigen. Ungünstig wäre es z.B., wenn die Strömung das Gewebe der Koralle z.B. gegen Steine drückt oder gegen ihr eigenes Skelett. Wird das Gewebe verletzt, kann die Koralle dadurch oft eingehen, oder zumindest der verletzte Polyp, je nach Art.
Manchmal löst auch das Absterben eines Polypen eine langsame Kettenreaktion aus.
Einige LPS benötigen eine aktive Fütterung, da ihnen Licht und Futterreste nicht reichen.
SPS oder kleinpolypige Steinkorallen:
Die anspruchvollsten Korallen. Es gibt zwar auch hier sehr große Unterschiede, aber grundsätzlich gilt:
Starkes Licht und starke Strömung, am besten sogar unregelmäßige Strömung, quasi eine "Gezeitensimulation".
Außerdem ist für SPS i.d.R. eine hohe, absolut stabile Wasserqualität sehr wichtig, viele Arten verzeihen da wenige oder keine Fehler.
Zudem muss das Wasser sehr nährstoffarm sein, heißt, man muss hauptsächlich Nitrat und Phosphat sehr genau im Auge behalten. Beides muss vorhanden sein, weil es auf der einen Seite auch Nahrung für die Korallen ist, auf der anderen Seite nehmen es SPS einem sehr schnell übel, wenn die beiden Werte steigen.
In einem SPS-Becken sollte Nitrat nur mit 2-3mg/l vorhanden sein und Phosphat sollte am besten irgendwo unter 0,05mg/l liegen.
Nitratwerte von 5mg oder Phosphatwerte von 0,05-0,07mg werden kurzzeitig auch toleriert, sollten aber nicht lange so "hoch" bleiben.
SPS reagieren noch auf andere Dinge empfindlich, dazu später mehr.
Die "Sondergruppe": Anemonen
Auch hier gibt es sehr viele verschiedene Arten. Manche sind richtige Seuchen, die einem ein ganzes Becken versauen können, allen voran die berüchtigten Glasrosen. Dann gibt es welche, die in meinen Augen ein Artenbecken benötigen, und zwar ein großes. Z.B. die beliebten, weil wunderschönen Heteractis magnifica.
Andere wiederum sind u.U. auch in einem Riffbecken zu vergesellschaften, z.B. Entacmaea quadricolor.
Die vielen verschiedenen Krustenanemonen bilden nochmal eine eigene Gruppe. Dort gibt es sehr schöne, farbenfrohe Arten, i.d.R. sind sie leicht zu halten.
Zwei Hauptprobleme mit Krustenanemonen müssen aber erwähnt werden.
Zum einen die EXTREM giftigen Arten wie Palythoa und Protopalythoa. Ich will hier nicht zu weit ausholen, man kann mehr an anderen Stellen lesen. Die Krusten bilden eines der effektivsten Gifte der Welt, Palytoxin. Dieses Gift kann auf
mehreren Wegen in den Körper aufgenommen werden. Über die Atmung, z.B. als Aerosol, über die Schleimhäute, über den Magen, über Hautverletzungen. Dann greift dieses Gift auf unterschiedliche Weise an. Die Nervenbahnen, das Gehirn, die inneren Organe. Über die Nerven natürlich auch das vegetative Nervensystem, also Atmung, Herz/Kreislauf usw.
Diese Tiere sollten sich nur sehr erfahrene MW-Aquarianer zulegen und auch diese sollten sich sehr gut überlegen, ob sie diese Tiere wirklich halten wollen.
Will sagen: Krusten nur dann kaufen, wenn EINWANDFREI geklärt ist, um welche Art es sich handelt.
Ansonsten: Finger weg!
Das andere Problem ist der "Unkrauteffekt".
Krusten können unglaublich wuchern, das ganze Becken überwachsen, dabei alles andere plattmachen und einem die Freude am Becken gründlich vermiesen. Krusten sind plötzlich nicht mehr schön, wenn man nix anderes mehr im Becken hat. Von daher sollte man Krusten auf seperaten Steinen halten, die man irgendwo in sicherem Abstand vom restlichen Aufbau auf den Boden legt.
Warum die grobe Unterteilung in Gruppen?
Soll ein Becken wirklich gut laufen, sollte man sich mit den Korallen mehr oder weniger auf eine Kategorie festlegen und nicht alles wild durcheinander mischen.
Abgesehen davon, daß die Korallen sehr unterschiedliche Anforderungen an Technik wie Licht und Strömung (die wichtigsten Faktoren) stellen, beeinträchtigen sie sich auf sichtbare und unsichtbare Weise gegenseitig. Ich gehe hier ebenfalls nicht ins Detail und nenne nur ein paar Sachen "anfängerfreundlich" (der Profi darf hier über mich lachen

).
Man wird z.B. kaum Becken finden, in denen Weichkorallen und SPS in gleicher Zahl dauerhaft erfolgreich miteinander gehalten werden. Gründe sind u.a. "C-Waffen", die beide einsetzen oder auch der Schleim, der von Weichkorallen abgesondert wird und SPS überhaupt nicht schmeckt.
Es kann aber auch an der Strömung liegen. Eine SPS fühlt sich vielleicht vor dem Auslass einer 10.000l Pumpe pudelwohl, während eine LPS sich fühlt wie ein Luftballon, aus dem man die Luft lässt. Eine SPS geht vermutlich ein, wenn vorher in Strömungsrichtung eine Pilzlederkoralle steht, die gerade abschleimt. Wenn mich mein völlig verrotzter Nachbar anniest, werde ich auch krank.
Korallen können auch verbrennen. Während eine Acropora sich 10cm unterhalb der Oberfläche bei 250W HQI vielleicht so richtig wohlfühlt, werden viele LPS oder andere Korallen dort sehr schnell verbrennen.
Das zeigt, daß alleine durch die Technik bezogen auf das Becken und den Riffaufbau unterschiedliche Lebensräume geschaffen werden können.
Weichkorallen und LPS lassen sich oft gut vergesellschaften, aber auch da ist etwas Erfahrung nötig.
In einem 1.500l Becken voller SPS werden eine handvoll Weichkorallen auch nicht schaden. Umgekehrt ist es unwahrscheinlich, daß eine handvoll SPS in einem Weichkorallenbecken gut gedeihen.
Es gibt kein festes Gesetz für das Vergesellschaften von Korallen, aber die grobe Richtung sollte stimmen. Alles ganz wild durcheinander funktioniert meistens nicht, je größer das Becken und je leistungsfähiger die Technik, desto eher ist aber auch so ein wildes Durcheinander möglich.
Ein weiterer Faktor ist die Wasserqualität. Wieder einmal stark versimpelt ausgedrückt bedeutet das: Je anspruchsvoller die Korallen, desto weniger Fische.
Fische = Futter/Detritus = Nährstoffe.
Robusten, aquariengewöhnten Korallen sind 10mg/L Nitrat und 0,1mg/l Phosphat völlig egal, SPS zeigen einem sofort die rote Karte.
Ich gehe dabei vom durchschnittlichen Anfängerbecken aus. Bei entsprechendem Aufwand (top Abschäumer, Filter, hervorragender Beckenbiologie etc) lassen sich durchaus viele Fische in einem SPS-Becken halten, als Anfänger sollte man das aber ohne Hilfe nicht sofort ausprobieren.
Weiter geht es im nächsten Post, aber da ich gerade ein großes Aquarium besichtigen durfte, in dem man viele Dinge prima live sehen konnte, folgt hier nun noch eine Galerie mit Beispielen für Sachen, die ich erzählt habe.
Bilder sagen mehr als tausend Worte, auch wenn die Qualität der Fotos schlecht ist. Leider nur Handycam, außerdem war nur noch Blaulicht an.
Ich hoffe, man erkennt durch meine Erklärungen trotzdem genug, um zu verstehen, wovon ich eigentlich dauernd laber
Vermutlich Vernesselungsschäden an einer mir unbekannten SPS.
Wahrscheinlich verursacht durch die Weichkoralle rechts daneben, die nun wegen des abnehmenden Lichts größtenteils zusammengezogen ist. Durch die Strömungsrichtung berühren die beiden sich tagsüber aber mit Sicherheit:
Kampftentakel einer LPS.
Dieses lappenartige Zeugs rechts daneben ist übrigens eine Ohrschwammart, ebenfalls eine Plage, die ähnlich wie Krusten rasend schnell wachsen kann, zum Glück aber nicht nesselt und meistens "nur" frei werdenden Siedlungsraum überwuchert. Dann kaum noch zu entfernen. Man sieht ihn eigentlich überall auf diesen Bildern, ist in dem Becken ein echtes Problem (auch wenn man ihm nachsagt, Schadstoffe zu filtrieren und zu binden):
Hier eine Anemone, davon kommen noch mehr. Welche es genau ist, kann ich nicht bestimmen. Sieht aus, wie ein Ableger, der sich abgeschnürt hat und sich von der Strömung irgendwo hin treiben lassen hat. Wozu das führen kann, sieht man später:
Kampf SPS (links) gegen Weichkoralle (rechts).
Man beachte, wie verkümmert und dünn die Arme der Weichkoralle wirken, welche mit der SPS in Kontakt kommen.
Schäden an der SPS konnte ich nicht erkennen. Wer hier den "Nesselkrieg" gewinnt, ist offensichtlich.
Abgestorbene Skelettteile einer mir unbekannten SPS. Schlecht zu erkennen auf dem Foto bei dem Licht, aber man sieht, daß das "frei" gewordene Skelett sofort von Algen und Cyanos überwuchert wird. Algen sind immer die allerersten, die frei gewordenen Siedlungsraum beanspruchen.
Dies kann die ohnehin schon geschwächte Koralle weiter stressen und die von mir oben erwähnte Kettenreaktion auslösen, wodurch die gesamte Koralle ihr Gewebe verliert. Es kann aber auch gut gehen...
Hier der Grund, warum man mit Anemonen (je nach Art) und Korallen in einem gemeinsamen Becken sehr vorsichtig sein sollte. Die große Umrandung zeigt eine Tischkoralle, die so gut wie tot ist, es ist kaum noch Gewebe auf dem Skelett (vermutlich eine Montipora foliosa oder hodgensi, aber bei den mickrigen Resten kaum noch zu bestimmen). Die kleinen Kringel zeigen Anemonen. Wie es dazu gekommen ist, daß die Anemonen in der Koralle sitzen, kann man nicht sagen.
Ich rate mal drauf los: Die beiden großen Pilzlederkorallen (Sarcophyton, nehme ich an) wachsen wesentlich schneller als die SPS, haben diese beschattet und damit dafür gesorgt, daß manche Bereiche abgestorben sind. Vielleicht noch verschlimmert dadurch, daß sie gleichzeitig die Strömung, also Wasserbewegung und damit Nährstoffversorgung der SPS behindert haben. Sind erstmal Teile tot, können Anemonen dort einen Platz finden (sie setzen sich normalerweise nicht auf lebendes Gewebe) und beschleunigen u.U. durch ihre Nesselkraft das Absterben der geschwächten SPS.
Hier ein Phänomen an einer meiner Lieblings-SPS, der "Milka".
Komplettes Ausbleichen im unteren Bereich. Hier wohl grad erst geschehen, da das Skelett noch nicht von neuen Organismen besiedelt wurde. Kann verschiedene Ursachen haben. Selbstbeschattung, was ein typischer Effekt von reiner LED-Beleuchtung bei SPS wäre (je nach Lampe, Linsen etc). Mangelnde Strömung und dadurch schlechte Nährstoffversorgung. Man kann noch weiter grübeln.
Hier sieht man mal, wie GROß eine Korallenkolonie werden kann. (Man beachte die Doktoren). Sollte man langfristig bedenken, bevor man eine solche Koralle in ein Nano setzt
Noch ein Beispiel für fröhlich wachsende Korallen. Man beachte den Putzer und den Pseudanthias auf dem Bild (als Anhaltspunkt).
Hier nehme ich mal ein Thema vorweg, welches eigentlich erst in einem späteren Post kommt:
Viele Fische werden GROß. (Man beachte den Hawaiidoc im Hintergrund). Egal, was der Händler erzählt um Kasse zu machen: Ein Paracanthurus (also Dorie...) hat NICHTS in einem 500l Becken zu suchen, denn die wird genauso groß...
So, genug geschwafelt für heute, mehr demnächst mal wieder.