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Alt 08.06.2016, 18:52   #1
Algerich
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Standard Wie plane ich ein Aquarium?

Hallo,

dieser Beitrag richtet sich an den Einsteiger oder Neuling, der den Weg hierher ins Forum gefunden hat, bevor er ein Aquarium erworben oder eingerichtet hat.

Meist hat man ja schon irgendwelche Vorstellungen, wie "für den Anfang erst einmal das preiswerte 54-Liter-Einsteigerset und dann auf jeden Fall Neons und noch ein paar passende Fische, die nicht zu schwer zu pflegen sind." Natürlich kein schlechter Ansatz, aber mein Rat an dieser Stelle ist eindeutig, noch einmal drei Schritte zurück zu gehen und etwas Zeit in eine systematische Planung zu investieren.

Ich möchte die zu klärenden Fragen hier einmal in einem Ablaufschema zusammenfassen. Das ist natürlich ein Algerich-Ansatz, also weitschweifig und kopflastig und ganz sicher gibt es viele andere Methoden der Planung, aber vielleicht kann der eine oder andere trotzdem etwas für sich gewinnen.

1. Frage: Was will ich, oder: wozu dienst mein Aquarium?
Die Frage ist ernst gemeint, obwohl es natürlich keinen Grund für ein Aquarium braucht. Ich habe in den letzten Tagen einmal vier Grundmotive zusammengestellt, die ich hier auf sechs erweitern möchte. Wichtig ist mir dabei, das kein Grund besser oder schlechter ist, sondern es nur darauf ankommt, für sich selbst Klarheit zu gewinnen, was das Ziel des Projektes ist:

Typ I: Das Gemälde-Aquarium. Es geht hier um ein vor allem ästhetisch schönes Becken, das einen Raum verzieren soll. Oftmals aber nicht notwendigerweise wird es im Wohnzimmer stehen. Gemälde-Aquarium habe ich es genannt, weil man aus ähnlichen Motiven auch ein besonders schönes Bild an der jeweiligen Wand aufhängen könnte.

Typ II: Das Haustier-Aquarium. Hier geht es darum, ein Becken zu schaffen, in dem man zu dem einzelnen Fisch eine Pfleger-Haustier-Beziehung aufbaut. Natürlich ist das mit Hunden oder Katzen einfacher, aber es gibt das auch mit Fischen. Wichtig ist bei diesen Becken, dass die einzelnen Tiere individualisierbar sind. Der Einsteiger, der einen Schwarm von 12 Neons pflegt, wird die einzelnen Tiere oftmals nicht unterscheiden, was für eine Beziehung zu dem Einzeltier schwierig ist. Wer aber einen Antenenwels oder Kampffisch, ein Paar Buntbarsche etc. hält, kennt jeden einzelnen Fisch und erkennt ihn auch wieder.

Ein wichtiger Unterfall des Haustier-Aquariums ist das Kinderzimmeraquarium. Kinder suchen solche Beziehungen. Ich habe bei meinen eigenen Kindern immer beobachtet, dass sie einen Fisch wieder erkennen wollten, und wenn es nur "der kleine" oder "der mit der halben Flosse" ist, also nicht unbedingt das schönste und prächtigste Exemplar.

Typ III: Das Beobachtungs-Aquarium: Wer Zeit hat, längere Zeit still vor seinem Aquarium zu sitzen, während die Familie sich dem Fernsehprogramm widmet, wird vielleicht Freude daran haben, charakteristische Verhaltensweisen zu beobachten: Balz, Nestbau oder Revierverhalten zum Beispiel. Wenn man das möchte, muss man natürlich bei der Auswahl der Arten und der Einrichtung schon darauf hinarbeiten, dass es möglich ist.

Typ IV: Das Vermehrungs-Aquarium: Sprachlich schöner wäre es hier, von einem Zuchtaqaurium zu sprechen, aber darunter versteht man in der Aquaristik meist ein Aufzuchtbecken, und das ist nicht das, was ich hier meine. Es gibt Aquarianer - und zwar nicht wenige - für die die Freude an einer Fischart erst dann vollkommen ist, wenn die Tiere sich vermehren. Wenn man das möchte, muss man sich das eingestehen und Tiere wählen, bei denen eine Vermehrung aussichtsreich ist. Wichtig ist mir hier, dass das auch das Ziel eines Einsteiger-Beckens sein kann. Oft wird der Eindruck ermittelt, Vermehrung ginge nur, wenn man viele Becken und viel Erfahrung hat. Das stimmt so nicht: ich meine, auch ein Einsteigerbecken konzipieren zu können, bei dem man auf Nachwuchs hoffen kann.

Typ V: Das Biotop-Aquarium: Vielen Aquarianern bereitet es Freude, ein bestimmtes Biotop mit Tieren und Pflanzen zu gestalten, die auch in der Natur zusammenleben. Bei entsprechender Informationsbeschaffung ist das auch ein einsteigertauglicher Ansatz, bei dem es aber noch mehr als bei den anderen darauf ankommt, nicht das zu kaufen, was der Händler vor Ort gerade vorrätig hat und empfiehlt.

Typ VI: Das Beschäftigungs-Aquarium: Manchem mag es bei der Wahl eines neuen Steckenpferdes darum gehen, etwas zu tun zu haben, was mit dem aktuellen Alltag nichts zu tun hat. Dann muss man eine Gestaltungsform wählen, die regelmäßige Arbeit verlangt. Man sollte das vorher wissen. Normalerweise versuche ich meine Becken so zu gestalten, dass sie ohne große Eingriffe fast allein zurecht kommen. Will man aber täglich oder wöchentlich ernsthaft arbeiten,l geht das auch anders. Ein Pflanzenbecken mit schnell wachsenden Stengelpflanzen gibt die Möglichkeit vielfältiger nicht auf das Beobachten beschränkter Beschäftigung.

Abschließende Anmerkung zu diesem Komplex: Die Bezeichnungen sind nicht Gegenstand der aquaristischen Literatur, sondern von mir ersonnen, um zu beschreiben, was ich sagen will. Auch die Liste selbst ist nicht abschließend oder wissenschaftlich belegt. ÜBerschneidungen, Mischformen etc. sind natürlich möglich. Ich bilde mir aber ein, dass sie einen guten Anhaltspunkt bieten kann, damit jeder für sich zu einer Antwort auf die Frage nach dem Zweck des Beckens gelangt.

2. Frage: Was kann ich, oder: was will ich leisten?
Das ist ein einfacher aber notwendiger Punkt. Aquaristik ist für den Einsteiger ein Hobby. Für jedes Hobby gibt es ein begrenztes Maß an Zeit und Geld, das dafür eingesetzt werden kann.
Es hat schlicht keinen Sinn, sich hier zu übernehmen. Ich für mich würde für sinnvoll halten, diese Dinge zu klären, ehe ich mich in eine bestimmte Idee verliere.

3. Frage: Was gibt es?
Was ich hier meine, ist folgendes: in einem Restaurant lese ich, wie vermutlich die meisten, immer die gesamte Karte, ehe ich ein Gericht bestelle. Aquaristik ist - auch für den Einsteiger - ungeheur vielfältig. Trotzdem gehen die meisten Einsteiger mit Neons, Guppys und Panzerwelsen nach Hause (ich rede hier nicht von den Katastrophen, in denen für das Einsteigerset Skalare, Prachtschmerlen und Sumatra-Barben gekauft wurden). Ganz wichtig ist meiner Meinung nach, sich viel anzuschauen. Beckenvorstellungen in Foren, ausgewachsene Tiere (sieht man im Handel selten) in Schau-Aquarien, Videos oder Becken von befreundeten Aquarianern. Man sollte sich erst für Fische entscheiden, wenn man die Wirbellosenaquaristik wenigstens einmal gesehen hat und erst für ein Pflanzenbecken, wenn man einmal ein pflanzenloses Ostafrika-Aquarium bewundert hat.

4. Frage: Welches Becken?
Langsam nähern wir uns dem konkreten Aquarium, das dann wirklich irgendwo aufgebaut wird. Man sollte hierbei bedenken, dass das Becken - gleichsam die Hardware - längere Zeit stehen soll und vielleicht auch die eine oder andere Veränderung des Konzepts mittragen soll. "Erst einmal das kleine" ist hier oft die falsche Lösung. Wenn man es mit der Aquaristik ernst meint, wäre meine Faustformel, um jeden Liter Wasser zu kämpfen. Wenn der Raum ein 120-cm-Becken verträgt, ist das besser als das 100-cm-Becken usf.

Freilich: was nicht geht, oder nicht finnzierbar ist, geht nicht. Siehe oben Punkt 2.

Auch der nicht technikbegeisterte Neuaquarianer sollte sich mit allen Facetten des Beckens (Material Verarbeitung, Abdeckung) und den unterschieden zwischen verschiedenen im Handel erhältlichen Becken befassen. Eine Diskussion hier im Forum kann dabei natürlich wertvolle Unterstützung leisten.

5. Frage: Welcher Einrichtungsstil
Hier geht es vor allem um Pflanzen und Dekoration. Noch weniger als bei den anderen Punkten kann ich hier eine abschließende Aufzählung bieten, aber wiederum scheint es mir wichtig, darüber nachzudenken, ehe man das kauft, was eben gerade verfügbar ist. Als Asssoziationspunkte folgende Grundtypen:

Typ I: Urwald, auch "grüne Hölle" Das Becken ist zugewachsen. Jeder Quadratcentimeter Boden ist mir einer Pflanze oder einer Wurzel, auf der Pflanzen aufgebunden sind, ausgefüllt. Fische schwimmen aus dem Dickicht in das Dickicht.

Ein übrigens gar nicht so schwer zu realisierender Typus, weil viel wertvolles biologisches Leben im Becken ist.

Typ II: Majestätisches Solitär: Das Becken lebt von einzelnen durch die Dekoration gut herausgestellten Solitärpflanzen, vor allem Schwertpflanzen. Sie sind der Blickfang des Beckens, auf den alles andere ausgerichtet ist.

Typ III: Schwüle Melancholie: Irgendwann richte ich mal ein solches Becken ein, dann kann ich es besser beschreiben: Einzelne rote Stengel - vorzugsweise Cognacpflanzen - ragen aus totem Holz und Laub hervor, daneben verwitterte, bemooste Steine. Schattenwurf von wenigen Schwimmpflanzen, ansonsten sengendes Licht (auch notwendig bei vielen roten Pflanzen).

Typ IV: Pflanzenloses Becken: Selbsterklärend bei Ostafrika-Becken, aber auch sonst gibt es einige gelungene Beispiele. Wie weiter oben beschrieben: ansehen!

Wie gesagt: nur ein paar Assoziationen, aber auf die Einsteiger-Problematik heruntergebrochen: Bitte erst überlegen, was man darstellen möchte und welche Elemente es dazu braucht, ehe irgend etwas gekauft wird.

6. Frage: Was lebt?
Jetzt endlich geht es darum, Tiere auszusuchen. Wenn die vorigen fünf Fragen sorgsam erwogen worden sind, ist hier schon viel getan: wir suchen jetzt nicht "einen Anfängerfisch für 54-Liter-Becken", sondern "einen schönen Gruppenfisch, der in 54-Litern einen farblichen Kontrast zu meinem Pflanzen-Dickicht setzen kann und sich ohne Aufzuchtbecken vermehren lässt", oder was auch immer das Ergebnis der Vorüberlegungen ist. (Die Antwort auf die von mir formulierte Frage wäre für mich übrigens: Oryzias woworae, aber darum geht es hier nicht).

Natürlich gibt es auch bei den Tieren, die hiernach allgemein in Betracht kommen noch viele Kontrollfragen:

- welchen Platzbedarf hat das Tier?
- bei welchen Temperaturen kann es gehalten werden?
- welche sonstigen Anforderungen an die Wasserparameter stellt das Tier?
- wie kann der Fisch ernährt werden? Muss es Lebendfutter sein? Kann ich das garantieren?

Hier hat Kollegin Verena einmal eine sehr schöne Liste erarbeitet. Ich werde versuchen, die in einem Folgebeitrag noch zu verlinken.

7. Frage: Noch mehr Arten?
Ich weiß, dass Einsteiger kaum von Artbecken zu überzeugen sind. Aber natürlich muss bei jeder weiteren Art die vorstehende Liste noch einmal durchgegangen werden, um festzustellen, ob die zweite Art mit den Anforderungen, die für die erste Art erarbeitet wurden, harmoniert.

Persönlicher Ratschlag: Ich halte es für das erfolgversprechendste Modell, einen Favoriten zu küren. Ob das ein Zwergflusskrebs ist, ein Neon oder ein Skalar spielt erst einmal keine Rolle. Wenn ich nach Abarbeitung von Frage 1-4 diesen Favoriten halten kann und will, würde ich das weitere Konzept darauf ausrichten, was er verlangt einschließlich der Wahl des Beibesatzes. So entstehen meiner Meinung nach einerseits harmonische, andererseits befriedigende Becken.

8. Frage: Was kann ich noch bedenken oder tun?
In der Aquaristik sind wir nie fertig. Mit den ersten sieben Fragen können wir - wenn ich nicht etwas zentrales übersehen habe - ein Becken planen, aber der kritische Blick muss bleiben.

Schlussbemerkung:
Ich habe hier einiges aufgegriffen, was mir bei Beratungen und Einsteigerfragen so aufgefallen ist. Das sollen aber mehr Anregungen als Antworten sein. Zu jedem Zwischenschritt gibt es verschiedene Meinungen und sie alle sind es wert, diskutiert zu werden - gern und vor allem auch hier im Forum.

Gruß!

Algerich

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Alt 08.06.2016, 19:41   #2
GuppyFadenfisch
 
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Moin
Toller Beitrag und ich denke das kann vielen Neulingen helfen.
Lg
GuppyFadenfisch ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 08.06.2016, 21:18   #3
Rinkikäfer
 
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Hallo,

ein Algerich-Ansatz!
Sehr schön ausgeführt und überlegt. Danke dafür!

Liebe Grüße
Annette

Gesendet von meinem GT-I8190 mit Tapatalk

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Rinkikäfer ist offline   Mit Zitat antworten
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